Freitag, den 24. Nov 2017

Flächenentwässerung und Blindenleitsystem

Die Idee ist genial – man muss sie nur haben: Entwässerungslinien in öffentlichen Verkehrsräumen können so gestaltet werden, dass sie zugleich Orientierungshilfe für sehbehinderte und blinde Mitbürger sind. Rinnenspezialist Birco hat ein entsprechendes System entwickelt. Bergisch Gladbach hat es in seiner Fußgängerzone installiert.

Der Behindertenbeirat der Stadt Bergisch Gladbach hatte Anfang September 2011 grünes Licht gegeben. Das war der Startschuss für eine außergewöhnliche Baumaßnahme, mit der die Kommune bundesweit eine Vorreiterrolle einnimmt. Noch im gleichen Monat wurde damit begonnen, in der Fußgängerzone ein Rinnensystem zu verlegen, das zwei sehr unterschiedliche Funktionen zugleich erfüllt: Einerseits leitet es Niederschläge ab, andererseits dient es Sehbehinderten und Blinden zur Orientierung.

Bei der baulichen Gestaltung öffentlicher Verkehrsflächen wie beispielsweise Fußgängerzonen werden routinemäßig Entwässerungslinien eingeplant. Sie erfüllen die Aufgabe, Regenwasser zu sammeln und abzuleiten. Entsprechende Systeme bestehen aus Rinnen- und hydraulisch erforderlichen Sonderelementen, die als Betonfertigteile hergestellt werden. Den Wasserzulauf einerseits sowie ein unfallfreies Begehen und Befahren andererseits gewährleistet eine Abdeckung, die in der Regel aus Guss besteht und nach dem Einbau des Rinnensystems mit dem umgebenden Flächenbelag bündig abschließt. Insoweit handelt es sich um bautechnischen Standard zur Entwässerung befestigter Flächen.


Die Entstehungsgeschichte der Blindenleitabdeckung steht beispielhaft für eine gelungene Kooperation unterschiedlicher Interessenträger und Akteure. Begonnen hatte alles damit, dass die Stadt Bergisch Gladbach einen Wettbewerb zur Neugestaltung ihrer Fußgängerzone ausgeschrieben hat. Der ursprüngliche Gestaltungswunsch für die Entwässerung war ein offenes Rinnensystem aus Naturstein – eine Lösung, wie sie schon zahlreiche andere Kommunen zur Aufwertung des Stadtambientes realisiert haben. Schnell wurde jedoch der mobilitätsbehindernde Effekt dieser Gestaltungsidee für Rollstuhlfahrer, geh- und sehbehinderte sowie blinde Mitbürger deutlich. Und um Blinde und Sehbehinderte auf die Gefahr der offenen Rinne aufmerksam zu machen, hätte beidseitig ein entsprechender Bodenindikator als Warnstreifen verlegt werden müssen, was wiederum hohe Kosten verursacht hätte.

Die Lösung kam im Rahmen der Projektbearbeitung von Gunter Fischer, Geschäftsführer der [f] landschaftsarchitektur gmbH. Sein Konzept, der Wasserrinne eine entwässerungstechnisch funktionale Abdeckung zu geben, die zugleich Blindenleitsystem ist und in der Flächengestaltung als ästhetisches Element wirkt, fand Zustimmung bei der Stadt und setzte einen Entwicklungsprozess in Gang, an dem auch Verbandsvertreter der Blinden und Sehbehinderten beteiligt waren. Vorentwürfe entstanden, wurden begutachtet, bewertet, optimiert und schließlich von Rinnenherstellern in Produktmuster umgesetzt. Am Ende war Birco der Gewinner. »Die exakte Verwirklichung aller Anforderungen ist mit der Blindenleitabdeckung von Birco nicht nur perfekt, sondern auch am preiswertesten gelungen« resümiert dessen ursprünglicher Ideengeber Gunter Fischer.


Rinnenabdeckung als Bodenindikator

Neu und in Bergisch Gladbach erstmals umgesetzt ist das Konzept, die Abdeckung zugleich als sehbehinderten-gerechtes Leitsystem zu gestalten. Dabei fungieren die Abdeckungen als so genannte Bodenindikatoren, die vor allem in weiträumigen oder ungleichmäßig konturierten Flächen erforderlich sind, damit blinde und sehbehinderte Mitbürger sich orientieren können. Die in Bergisch Gladbach eingebaute Blindenleitabdeckung aus Guss erfüllt diese zusätzliche Aufgabe. Zur Anwendungsreife entwickelt hat es das auf Entwässerungslösungen spezialisierte Unternehmen Birco.

Als Grundlagen für die behindertengerechte Gestaltung der Blindenleitabdeckung haben die DIN 32984 »Bodenindikatoren im öffentlichen Raum« gedient sowie der Leitfaden »Unbehinderte Mobilität« der Hessischen Straßen- und Verkehrsverwaltung. Die seit Oktober 2011 gültige Neufassung der DIN 32984 definiert in Kapitel 4 nur relativ allgemein die Anforderungen an Bodenindikatoren sowie den angrenzenden Bodenbelag und veranschaulicht ihre Vorgaben für den Anwendungsbereich öffentlicher Verkehrsräume in Kapitel 5 anhand einiger Normzeichnungen. Sehr viel genauer als die Rahmenbestimmungen der DIN 32984 gehen jedoch die Gestaltungsvorschläge des hessischen Leitfadens auf die Orientierungsbedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen ein.

Für sichere Mobilität konzipiert

Praxisnah und detailliert gibt der Leitfaden Gestaltungsempfehlungen und Anwendungsbeispiele für die verschiedenen Typen von Bodenindikatoren – Leitlinien mit Rillenprofil zur Längsführung, Aufmerksamkeitsfelder mit Noppenstruktur, Warnindikatoren mit Querrillen als Stoppsignal – und bietet insgesamt ein griffiges Konzept, das den Mobilitätserfordernissen sowie den Orientierungsbedürfnissen Blinder und Sehbehinderter gerecht wird. Dieser bundesweit vorbildlichen Richtlinie aus Hessen fügt sich die Blindenleitabdeckung als gleichzeitig mit der DIN konformes und durch deren Novellierungsausschuss freigegebenes Leitsystem zur Längsführung ein.

Die Blindenleitabdeckungen aus Guss entsprechen mit 30 Zentimetern Breite der DIN-Vorgabe. Ihre Rippenstruktur weist den geforderten trapezförmigen Querschnitt auf, der jede Abdeckung in vier Längsrillen untergliedert. Sie dienen der taktilen Orientierung und Führung, für die geschulte Blinde den Langstock mit kugelförmiger Stockspitze benutzen. Unter Rücksichtnahme auf den Gebrauch des Langstocks wurde die Weite der Wassereinlauföffnungen auf weniger als zwei Zentimeter dimensioniert, so dass selbst bei den kleinsten Kugelspitzen mit zwei Zentimetern Durchmesser kein Unfallrisiko durch Verkeilen entsteht. Um Stolpergefahren auszuschließen halten die Rillenstege die Normvorgabe von fünf Millimetern Höhe ein; alle Kanten der Erhebungen sind darüber hinaus abgerundet. Kleine Unterbrechungen in den Stegen bannen das Rutschrisiko gemäß Rutschhemmklasse R11.

Kontraststark und reflexionsfrei

Während Menschen mit vollständiger Erblindung maßgeblich auf taktile Orientierungshilfen angewiesen sind, benötigen Sehbehinderte mit einem Restsehvermögen solche Bodenindikatoren, die zur Umgebungsfläche optisch stark kontrastieren und zugleich Reflexionsblendungen ausschließen. Die Blindenleitabdeckung erfüllt auch diese Anforderungen insofern, als sich die gebrochene Oberflächenstruktur der Gusselemente reflexionsfrei verhält und die Abdeckungen je nach Leuchtdichte des angrenzenden Flächenbelags mit schwarzer Tauchlackierung oder in verzinkter Ausführung lieferbar sind. Auch akustisch kontrastiert der metallisch klingende Guss signifikant zu umgebender Pflasterung oder Asphaltierung, die beide ein eher reibendes Geräusch erzeugen.

Die Blindenleitabdeckungen präsentieren sich als ein komplettes Längsleitsystem, das neben den Abdeckungen mit Führungsrillen auch Schlussstücke umfasst. Im Sinn von Aufmerksamkeitsfeldern signalisieren sie das Ende, Unterbrechungen und Abzweigungen der Leitlinie. Zum Entwässerungssystem werden die Blindenleitabdeckungen im Zusammenspiel mit dem Rinnensystem »Bircosir«. Dessen hohe Produktqualität bietet eine ideale Basis. Die in verschiedenen Baulängen verfügbaren Rinnenelemente, wahlweise mit oder ohne Innengefälle, sowie die Sinkkästen bestehen aus leistungsfähigem C40/50-Beton. Zusammen mit den pro Meter 8-fach sicherheitsverschraubten Gussabdeckungen entsprechen sie der Belastungsklasse D 400, was einer Auslegung für straßenübliche Verkehrslasten entspricht. Somit eignet sich der Verbund zwischen der Rinne »Bircosir« und der Blindenleitabdeckung als kombiniertes Entwässerungs- und Blindenleitsystem. Typische Anwendungsfelder sind alle öffentlichen Flächen, die Fußgänger und Fahrzeuge gemeinsam nutzen, wie etwa Fußgängerzonen, Plätze, Bahnhöfe sowie Haltestellen für Bus und Straßenbahn.


Was Blinde brauchen

Der Gemeinsame Fachausschuss für Umwelt und Verkehr (GFUV) des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e.V. (DBSV, Berlin) erarbeitet unter Berücksichtigung der besonderen Belange blinder und sehbehinderter Menschen Mindeststandards für den barrierefreien Zugang zur gebauten Umwelt und zum öffentlichen Verkehr. Der GFUV war an der Novellierung der DIN 32984 »Bodenindikatoren im öffentlichen Raum« beteiligt, die seit Oktober 2011 in Kraft ist. Sie legt Anforderungen für Bodenindikatoren und sonstige Leitelemente fest, um die Sicherheit und Mobilität blinder und sehbehinderter Menschen im öffentlichen Raum zu verbessern.

Der GFUV bemängelt, dass »es in verschiedenen Bundesländern zu Bestrebungen gekommen war, eigene Lösungen für Blindenleitsysteme zu entwickeln". Der Effekt: Wer als Blinder oder Sehbehinderter in München den Zug besteigt, um nach Hamburg zu fahren, muss sich dort in einer Bodenindikator-Fremdsprache zurechtfinden. Deshalb »war es dringend erforderlich, ein einheitliches System der Orientierungshilfen festzulegen", und hinsichtlich der novellierten DIN 32984 komme es nun darauf an, «dass die neue Systematik konsequent angewendet wird, damit sich blinde und sehbehinderte Menschen auf einheitliche Orientierungshilfen verlassen können«. Ein GFUV-Experte bringt es auf den Punkt: »Bodenindikatoren sollten stets in gleicher, wiederkehrender Funktion verwendet werden« – bundesweit.

Neben Städten und Gemeinden kommt der Deutschen Bahn eine Schlüsselrolle zu. Mit ihrer länderübergreifenden Präsenz und der Vielzahl ihrer Bahnhöfe kann sie Standards im Sinn der Betroffenen setzen. Für Bahnsteige mit Teilüberdachung, die in ihren nicht überdachten Endbereichen Entwässerungslinien benötigen, wäre die Birco Blindenleitabdeckung eine ideale Lösung: konform zur Norm und zu den tatsächlichen Orientierungsbedürfnissen der Blinden und Sehbehinderten.

 

 

 

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